„Talk, kiss, drink, shout“

Susann Özel: Sie will dem schönen Beruf Zahnarzt die persönliche Note verleihen

Mit dem LUXX Award zeichnen wir junge Zahnmediziner aus, die ihren Weg gehen, ihren Träumen selbst Flügel verleihen und auf ihre Weise Verantwortung übernehmen. Dabei geht es uns nicht darum, die schönsten Praxisbilder oder eine besonders schicke Praxiseinrichtung zu prämieren. Vielmehr zeichnen sich die LUXXter durch ihre ganz eigenen „Ecken und Kanten“ aus – Besonderheiten in ihrer beruflichen Zielsetzung, auf ihrem Lebensweg oder in einem speziellen Praxiskonzept. Der LUXX ist ein „Mutmachpreis“. Er will Wege aufzeigen und junge Zahnmediziner motivieren, ihre Träume und Berufsziele umzusetzen. Deren Projekte präsentieren wir in der dzw sowie auf der Website des LUXX, bevor die Besucher von www.luxxaward.de in einem öffentlichen Online-Voting über ihre Favoriten abstimmen – und so darüber entscheiden, wer den Titel „LUXX des Jahres“ verdient hat. Der zweite LUXXter in diesem Jahr ist Susann Özel aus Hamburg.

Umgeben von Bäumen, im Hamburger Stadtviertel Eidelstedt, hat Susann Özel das Kinderparadies zum Wohlfühlen erschaffen. Bereits der Name am Praxisschild „Zahnarztpraxis Kinderlieb“ deutet viel mehr auf ein schönes Erlebnis als auf eine Kariesbehandlung hin.
Im Foyer riecht es angenehm nach Zirbelholz, ein roter Elefant ziert den Eingang, die Höhe der Thekenplatte ist auf Kinderhöhe angepasst, und durch Flur und Räume ziehen sich Rosa, Orange und Lila. „Ich möchte mit meinen Räumen mehr sein als nur eine Zahnarztpraxis“, sagt Susann Özel. Die Kinderzahnärztin und Gründerin der Hamburger „Zahnarztpraxis Kinderlieb“ verfolgt das Ziel, Kindern Ängste vor zahnärztlichen Behandlungen zu nehmen und den Gang zum Zahnarzt mit positiven Erlebnissen zu verknüpfen.
„Es ist uns wichtig, die Sinne der Kinder anzusprechen und sie vor ihrer Behandlung zur Ruhe kommen zu lassen“, erklärt die 34-Jährige. Spielekonsolen oder Plastikspielzeuge sind daher Fehlanzeige im „Spielzimmer“, wie es die Hamburger nennen. Vielmehr gehe es darum, die Fantasie anzuregen und eine Wohlfühl­atmosphäre mittels farbiger Elemente zu schaffen: sich in einer Höhle verstecken, mit Holzfiguren spielen oder körperliche Fertigkeiten am Kletterbaum erproben. Beim Spielen sollen die kleinen Gäste im Alter vom ersten Milchzahn bis zu zwölf Jahren Vertrauen aufbauen und sich an die Umgebung gewöhnen. Dafür gibt das Team „Kinderlieb“ rund zehn Spielminuten, ehe es zur Behandlung bittet.

Für das besondere Kindererlebnis haben Özel und ihr Team eine eigene Sprache sowie besondere Raumnamen für Kinder in den Praxisalltag integriert. „Einmal deine Eintrittskarte, bitte“, hören Kinder beim Betreten der Praxis. Dazu kommen Begriffe wie „Sonnenliege“ anstelle „Behandlungsstuhl“, „Zauberpaste“ statt „Polierpaste“ und „Elefanten-“ oder „Afrikazimmer“ als Ersatz für „Eingriffsraum“. Damit wird Kindern Fachchinesisches aus der Zahnheilkunde erspart. „Bei uns wird statt der Prophylaxe eine Behandlung mit Feenstaub und Zauberstab vorgenommen, sodass Mama nachher von strahlenden Zähnen geblendet wird“, erzählt Özel. Auch heißt die Lampe hier „Sonne“.

Nach erfolgreicher Behandlung geht es für die Kids weiter zum Geschenkebaum. Angepasst an zwei Größen und unterschiedliche Altersgruppen, dürfen sich die tapferen Entdecker ihre Belohnung erfühlen – Zahnbürste, Sanduhr oder kleine Holzfigur? „Flummis haben wir, nachdem sie uns in der Praxis um die Ohren flogen, schnell wieder aus dem Programm genommen“, erzählt die Zahnärztin lachend.
Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. Blaue Flecken, kariesbefallene Zähne, Augenringe oder fehlende Hygiene sind nur einige Signale dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. Für solche Fälle besucht Özel regelmäßig Fortbildungen zum Erkennen von Missbrauch. „Bisher habe ich glücklicherweise nur einen Vorfall beim Jugendamt melden müssen“, erzählt sie.
Dass sie Kindern etwas Gutes tun möchte, hat Susann Özel bereits in jungen Jahren während ihres Au-pair-Jahrs in den USA gespürt. So absolvierte sie eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester, um tiefere Einblicke in die Bedürfnisse und die Psychologie von Kindern zu erhalten – die Basis für ihre spätere Selbstständigkeit. Es folgten das Zahnmedizinstudium und die Praxiszeit. Doch die anfängliche Euphorie ließ schnell nach. Massenabfertigung, vorherrschende Hierarchien oder Zeitdruck waren Alltag. „Hier wollte ich raus, dem schönen Beruf als Zahnarzt eine persönliche Note verleihen und Kindern langfristig helfen“, erinnert sich Özel an ihre Anfangszeit. Daher war schnell klar, sie musste auf eigenen Bei­nen stehen.

Dadurch sollen Instrumente für Kinder vertrauenerweckend wirken und die kleinen Patienten ihre Angst verlieren. „Die Sprösslinge stehen von Anfang an im Mittelpunkt, und das sollen sie merken, sobald sie über die Türschwelle der Praxis treten“, fasst Susann Özel zusammen. Es gehe um eine ehrliche Atmosphäre zum Wohlfühlen statt schnellen Profits und Massenabfertigung.
Zum Konzept gehört ebenfalls der alleinige Gang in den Behandlungsraum – ganz ohne Eltern. Denn häufig übertragen sich Ängste von Mama und Papa auf die Kinder. Viele Eltern verstehen diese Vorgehensweise. Einige möchten jedoch eng bei ihrem Kind bleiben. Das erschwert die Arbeit deutlich. „Wir diskutieren täglich“, sagt Özel. „Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Behandlung liegt im Vertrauen ins Kind“, betont sie. Hat ein Kind dennoch Angst, steht Hypnose auf dem Programm. Dabei taucht Özel gemeinsam mit dem Patienten über Geschichten in eine andere Welt ein. Das beruhigt und wirkt einschläfernd. „Meine Kollegen bemühen sich während dieser Behandlungen, nicht selbst schläfrig zu werden.“

Nach zweijähriger Planung und zweimonatiger Baupha­se fiel im September vergangenen Jahrs der Startschuss für die eigene Pra­xis. Das Konzept dahinter: Kinder sollen ein Gefühl dafür bekommen, dass regelmäßige Zahnarztbesuche wie ein Mantra zum Alltag gehören – und das ohne Angst. Überzeugung funktioniert beim sechsköpfigen Team mittels pädagogischen Geschicks sowie kinderorientierter Abläufe oder Behandlungsmethoden.
„Natürlich darf der Spaß in der Praxis nicht fehlen“, sagt Özel. Der sei essenziell für den Erfolg ihrer Praxis. Daher gehören regelmäßige Teammeetings in der „Praxis Kinderlieb“ ebenso wie Weiterbildungen und kollegialer Austausch zum guten Ton. Flipcharts, aktuelle Themen, offene Fragen oder Wünsche zählen genauso dazu wie privater Klatsch und Tratsch in freundlicher Umgebung. „Ich halte nichts von starren Strukturen, solange alle zufrieden sind und es mit dem Praxisalltag vereinbar ist“, sagt Susann Özel. Denn es geht nichts über ein motiviertes Team, auf das sie sich verlassen kann. So kam es dazu, dass Arbeitszeiten um eine Stunde vorverlegt wurden. Entsprechend können die Mitarbeiterinnen dann früher in den Feierabend.

Reibungslos lief es beim Start dennoch nicht. Buchhaltung, Marketing und Personalsuche stellten die Zahnärztin vor neue Herausforderungen. Mit den Problemen wuchsen auch Angebote von Beratungsfirmen. „Leider bedienen sie sich häufig am Status quo und vernachlässigen dabei eigene Ideen“, erzählt Özel. Doch sie habe Glück gehabt, sei an die Richtigen geraten und habe auch große Unterstützung durch ihren Partner erfahren.
Die Leuchtschrift einer Urlaubsbar „talk, kiss, drink, shout“ erinnert die Hamburgerin an den Weg in die Selbstständigkeit und daran, worauf es in ihrer Praxis ankommt. So gehört „talk“ zum Erfolgsrezept ihrer Praxis. „Ich rede gern mehr als die typischen 20.000 Wörter jeden Tag, wenn es dazu beiträgt, Kindern die Ängste zu nehmen“, erklärt sie. Reden sei häufig wichtiger als die eigentliche zahnmedizinische Behandlung. Zum „kiss“ gehört die Verbundenheit zu den Mitarbeitern, auf die sie sich täglich verlässt und vertraut. „Manchmal gibt es auch Luftküsse als kleines und herzerwärmendes Dankeschön der Kinder“, freut sich Özel. „Beim ,drink‘ denke ich an den Prosecco, den ich nach Arbeitsschluss gerne mit meinem Team teile“, lacht sie. Dies sieht sie als gemeinschaftliches Zeichen und dafür, dass Spaß in der Praxis von großer Bedeutung ist. Aber auch „shout“ gehört zum Praxisalltag. „Bei all den Höhen gibt es auch Tiefen, bei denen ich nur schreien könnte“, so Özel. Dazu gehören auch die eigenen Fehler und Missgeschicke. Jeder Anfang ist haarig. „Wichtig ist, dass man aus misslichen Situa­tionen lernt und sich stetig verbessert.“ Nach einer steilen Lernkurve im ersten Jahr freut sich Özel, aus einer wachsenden Routine Kraft für Neues zu entwickeln. So plant sie, weitere Zahnärzte einzustellen und das Praxisteam zu vergrößern.

Hendrik Stüwe, ­Eislingen (Fils)